Sonntag, 17. Dezember 2017

Leere Tage

Heute Morgen habe ich genau dieses Bild auf Instagram hochgeladen. Darunter ein Text darüber, dass ich müde bin und kraftlos und traurig, und dass ich einerseits weiß, dass ich Ruhe brauche (gestern Abend war ich mit Freundinnen auf dem Weihnachtsmarkt, und obwohl es schön war, war es auch sehr anstrengend: die vielen Menschen, die Geräusche, die Gerüche...gestern Abend habe ich das nicht so sehr gemerkt, aber heute Morgen dafür umso mehr), es mir aber andererseits trotzdem schwer fällt, mir diese Ruhe zu gönnen, während gleichzeitig meine To-Do-Liste ellenlang ist und gefüllt nicht nur mit Dingen, die ich tun muss, z.B. für die Uni, sondern auch mit Dingen, auf die ich zwar nicht so große Lust habe, aber von denen ich weiß, dass sie gut für mich sind, beispielsweise die Wohnung sauber und startklar für die nächste Woche zu machen, oder auch eine ganze Menge Dinge, die ich tun möchte, und die mir eigentlich Spaß machen, für die mir aber heute trotzdem der Antrieb und die Energie gefehlt hat. 

Diese Antriebslosigkeit hat sich durch den gesamten Tag gezogen und sich immer mehr zu einem emotionalen Tief entwickelt. Zwar habe ich zwischendurch gelacht und auch doch noch ein paar Sachen geschafft, aber trotzdem war heute einer dieser Tage, die irgendwie leer sind, in dem Sinne, dass man mich morgen oder übermorgen fragen könnte, was ich heute gemacht hab, und ich alles wieder vergessen hätte, weil ich eigentlich nur existiert habe und nichts von dem, was ich gemacht habe, in irgendeiner Weise Bedeutung hat. Klar muss man nicht jeden Tag ein Meisterwerk erschaffen, seine neue Bestzeit laufen oder auf eine andere Art nur Dinge tun, die für die Welt von Relevanz sind, aber trotzdem hab ich immer große Probleme damit, wenn ich den ganzen Tag nur Dinge tue, die für mich nicht von Bedeutung sind....wenn ich nur Dinge abarbeite, die halt irgendwie anstehen (Haushalt, Hausaufgaben) oder aber wenn ich Zeit totschlage und stundenlang im Internet bin oder ein Computerspiel spiele, auf das ich in dem Moment schon Lust habe, aber von dem ich, wenn ich dann mal drüber nachdenke, eigentlich gar nicht sagen kann, was genau mir daran eigentlich Spaß macht oder ob ich überhaupt wirklich Spaß hatte oder mich einfach nur irgendwie beschäftigt habe.

Und jetzt ist draußen schon wieder dunkel und morgen beginnt eine neue Woche, in der ich täglich von morgens um halb neun bis abends um halb acht unterwegs bin, und ich hab das Gefühl, das Wochenende, meine Zeit, meine einzige Chance, all die kreativen oder entspannenden Dinge zu tun, für die ich sonst keine Zeit habe, und ich fühle mich schlecht deswegen. Denn zwar habe ich mich eigentlich den ganzen Tag entspannt, aber ich fühle mich nicht entspannt, sondern wie eine Versagerin. 

Ganz ehrlich, irgendwie weiß ich nicht mal, ob ich überhaupt wirklich entspannen kann. Denn irgendwie hab ich immer ein schlechtes Gewissen wenn ich nur so rumsitze, obwohl ich eigentlich noch Dinge zu tun habe, aber ein anderer Teil meines Hirns (wahrscheinlich der, der die ganzen Self-Care-Tipps auf Instagram liest) sagt gleichzeitig: "Du musst dir auch mal Zeit für dich nehmen" und zusammen führt es dazu, dass ich zwar nicht an meinen Aufgaben arbeite (weil, Freizeit), aber mein schlechtes Gewissen es auch nicht zulässt, dass ich mich tatsächlich irgendeiner Freizeitaktivität widme, und deshalb sitze ich dann stundenlang einfach da und mache irgendwas, und dann fühle ich mich abends - so wie jetzt - wieder scheiße und beneide alle, die es tatsächlich schaffen, sich Zeit zu nehmen für's Zeichnen, oder Fotografieren, oder Yoga, oder Gedichte schreiben, oder Bullet Journalling oder Lesen...oder sogar für's Serienschauen auf Netflix, weil ich mich sogar davor selbst blockiere, indem ich mir irgendeiner völlig schwachsinnigen Logik folgend gleichzeitig das Arbeiten und das Nicht-Arbeiten verbiete. Hey, das bringt es echt gut auf den Punkt, den Satz sollte ich mir für die Therapie merken.

Wie ihr, wenn ihr bis hierhin gelesen habt, sicher feststellen konntet, gibt es hier keinen wirklichen roten Faden. Eigentlich wollte ich auch zu einem ganz anderen Thema schreiben, aber dann kam es irgendwie über mich und ich musste mich "auskotzen". Keine Ahnung, mir persönlich hilft es auch immer irgendwie wenn ich auf irgendeinem Blog sehe, dass es der Person, die hinter dem Text steckt, auch bei solchen doofen Sachen so geht wie mir. Und dann brauche ich auch gar kein Fazit oder eine inspirierende Erkenntnis, sondern fühle mich schon nicht mehr so schlecht allein dadurch, dass jemand die doofen Sachen auch kennt und in Worte fasst. Und vielleicht geht es ja jemand von euch so mit diesem Text. Und wenn nicht, dann hilft er eben nur mir.:D

Montag, 11. Dezember 2017

Das erste Date (mit meiner Therapeutin)

Wollen Sie meine Psychotherapeutin sein?
Ja 𑂽 Nein 𑂽 Vielleicht 𑂽

Keine Angst, das ist nicht, was ich in der Mail geschrieben habe, in der ich meine höchstwahrscheinlich neue Therapeutin um einen Termin für ein Erstgespräch gebeten habe. Aber vom Nervositätsgrad her fühlt es sich sicher ungefähr so an, wie jemandem nach einem Date zu fragen.(nicht, dass ich damit irgendwelche Erfahrungen hätte - ich meine, ich kann nicht mal irgendjemanden nach der Uhrzeit fragen...) Und ist diese Nervosität wirklich verwunderlich? Schließlich ist man auf der Suche nach einer Person, der man Dinge anvertrauen kann, die man sonst niemanden erzählt - außer dem/der Partner*in vielleicht. Davon abgesehen gibt man, sobald man diesen Schritt geht, ja auch zu, das man Hilfe benötigt, was aus irgendeinem Grund ja vielen Leuten, mir zum Beispiel, total schwer fällt. (fast so schwer, wie keine komplizierten Schachtelsätze zu bilden - gewöhnt euch besser dran!)

Zurück zum Thema! Das Erstgespräch. Ich weiß nicht so genau, wie ich diesen Post aufbauen soll. Soll ich einfach ganz allgemein gehalten erzählen, wie so etwas abläuft? Oder von meiner spezifischen Erfahrung berichten? Oder beides? Beides ist gut.

Keine Ahnung, ob man das normalerweise so macht, aber in beiden bisherigen Fällen, die ich um ein Erstgespräch gebeten habe, habe ich das per Mail getan und in dieser Mail bereits ein wenig erzählt:  mein Alter, dass ich studiere, was meine Probleme sind, wie sie sich äußern und seit wann ungefähr sie auftreten, und was ich mir von der Therapie erhoffe. In der Mail, die ich jetzt geschrieben habe, habe ich außerdem erzählt, dass ich bereits eine Therapie gemacht habe, warum diese meiner Ansicht nach für mich nicht wirklich passend war und wieso ich denke, dass ein anderer therapeutischer Ansatz besser passen könnte.

Daher lief das Erstgespräch bei mir in beiden Fällen auch so ab, dass die Therapeutin das Gespräch auf dem aufgebaut hat, was ich ihr bereits geschrieben hatte und dazu weitere Fragen gestellt hat. Allgemein glaube ich, dass es normalerweise so abläuft, dass die Therapeutin oder der Therapeut viele und offene Fragen stellt, sodass man dazu gebracht wird, von sich zu erzählen. Die Fragen sind deshalb auch kein bloßes Abfragen von Symptomen, sondern zielen darauf ab, dass die Therapeutin oder der Therapeut ein Bild von der Person bekommt, die da vor ihr oder ihm sitzt. Zu erwarten sind also hauptsächlich Fragen nach der aktuellen Lebenssituation und der Vergangenheit bzw. dem (u.a. familiären) Hintergrund. Dabei können die "Patient*innen" (nennt man das so?) auch gleich feststellen, ob der/die Therapeut*in für sie eine Person ist, mit der sie über solche persönlichen Dinge sprechen können oder ob sie gleich merken, dass es für sie nicht passt.

Wenn die Therapeutin oder der Therapeut (ich werde ab jetzt nur noch "die Therapeutin" schreiben, das ist mir so zu umständlich. Nicht-weibliche Psychotherapeuten* sind natürlich trotzdem auch gemeint) dann bei dem, was ihnen erzählt wird, etwas aufschnappen, was sie als für die Behandlung potentiell relevant betrachten, haken sie da in der Regel noch einmal nach: so hat sich aus meiner Bemerkung "manchmal wünsche ich mir, dass ich einfach aufhören könnte zu existieren" beispielsweise ein netter Exkurs zum Thema "Bin ich akut selbstmordgefährdet?" ergeben 😅*

Zeitlich könnt ihr euch beim Erstgespräch und eigentlich auch bei den darauffolgenden "normalen" Sitzungen in der Regel so auf 60 Minuten einstellen. Sitzungen können zwar auch aufgeteilt oder zusammengelegt werden, aber ich glaube, eine Stunde ist die übliche Dauer. Gegen Ende des Erstgesprächs hat bei mir die Therapeutin jeweils nochmal ein bisschen zusammengefasst, was ich ihr so erzählt habe, um sicherzugehen, dass sie alles richtig verstanden hat und dann erklärt, wieso sie der Meinung ist, dass die Therapieform, die sie anbietet, da helfen kann. Wichtig ist hier aber, dass die endgültige Entscheidung immer bei dem- bzw. derjenigen liegt, der/die die Therapie machen möchte. Niemand kann euch zu einer Therapie oder einem bestimmten therapeutischen Verfahren zwingen. Die Entscheidung müsst ihr aber auch nicht sofort treffen. In der Regel gibt es ein paar Probesitzungen, bevor ein Vertrag unterschrieben und ein Antrag bei der Krankenkasse gestellt wird. Die einzige Entscheidung, die ihr nach dem Erstgespräch treffen müsst, ist die, ob ihr meint, dass sich weitere Probesitzungen lohnen, oder ob ihr bei dieser Therapeutin ein so schlechtes Gefühl habt, dass ihr denkt, das macht keinen Sinn.

Und wie lief nun mein Erstgespräch? Es begann irgendwie doof, weil ich leider unfähig war, die Haustüre in dem Gebäude zu öffnen und die Therapeutin deswegen extra aus dem dritten Stock herunterkommen musste, um mir die Tür zu öffnen. 🙈 Aber das war mir nur für erstaunlich kurze Zeit unangenehm. 

In der Praxis selbst habe ich mich gleich sehr wohl gefühlt. Sie war auf eine minimalistische Art und Weise sehr gemütlich und einladend. Und aus dem Fenster hat man einen tollen Ausblick über die Stadt. In der Praxis meiner alten Therapeutin und auch in meiner Wohnung, die beide im Erdgeschoss liegen, sieht man aus den Fenstern nur die Häuser gegenüber, und da fühle ich mich immer irgendwie eingeengt und einfach nicht wohl. Allein durch den Blick auf Bäume und das Gefühl, über der Stadt zu stehen anstatt mittendrin zu sein, habe ich mich gleich irgendwie befreit gefühlt. 

Das Einzige, was mir irgendwie unangenehm war, war dass die Therapeutin und ich uns in Sesseln direkt gegenüber saßen, ohne einen Tisch oder so etwas zwischen uns, wohinter ich mich hätte "verstecken" können. Ich weiß, dass das wahrscheinlich Absicht war, um eine offene Atmosphäre zu schaffen, aber irgendwie fehlt mir da immer die Sicherheit....deshalb fand ich zum Beispiel in der Schule oder so Stuhlkreise auch immer total schlimm...ich fühle mich da den Blicken der anderen irgendwie ausgeliefert. Aber das ist wahrscheinlich auch Gewöhnungssache.

Mit der Therapeutin kam ich sehr gut klar. Sie ist noch recht jung, oder sieht zumindest so aus. Meine erste Therapeutin wirkte von ihrem gesamten Auftreten her sehr wie eine Lehrerin: schon freundlich, aber auch irgendwie einschüchternd. Und da ich eh dazu tendiere, mich anderen grundsätzlich unterlegen zu fühlen, ist ein geringerer Altersunterschied zwischen der Therapeutin und mir, glaube ich, für mich ganz gut, um ihr mehr auf Augenhöhe begegnen zu können. Natürlich ist mir trotzdem klar, dass es ein professionelles Verhältnis ist und ich werde sie nicht mit einer Freundin verwechseln, aber ich glaube, dass ich mich so besser öffnen kann. 

Nach Ablauf der Sitzung haben wir uns dazu entschlossen, noch eine weitere Sitzung zum besseren Kennenlernen zu vereinbaren. In dieser Sitzung werden wir dann auch darüber sprechen, welches der beide therapeutischen Verfahren, die sie anbietet (Analytische oder tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie) in meinem Fall besser passt. Sie hat mir auch zwei Informationsbögen über Psychotherapie im Allgemeinen sowie die Rahmenbedingungen der Behandlung in ihrer Praxis und einen Symptomfragebogen mitgegeben, die ich bis zum nächsten Termin in zwei Wochen durchlesen bzw. ausfüllen soll. 

Ich hoffe, dass ich mit diesem Post allen, die mit dem Gedanken an eine Psychotherapie spielen, ein wenig die Angst vor einem furchtbar unangenehmen Erstgespräch nehmen konnte. Wenn ihr noch Fragen zum Erstgespräch oder zur Therapie im Allgemeinen habt, könnt ihr sie mir gerne hier oder auf Instagram (als Kommentar oder per Nachricht, wie ihr wollt) stellen. Je nachdem wie viele das werden beantworte ich sie dann direkt oder sammle sie für einen Therapie-FAQ-Post. Aber ich mache mir hier nichts vor, so viele Fragen werden es nicht werden 😂

Eine wundervolle Woche wünsche ich euch! 💛

* 1. Bitte macht euch keine Sorgen. Zumindest diesbezüglich ist bei mir alles okay. 2. Über meine psychischen Probleme in lustigem Ton zu schreiben oder zu erzählen, ist meine Art, mit ihnen umzugehen. Bitte denkt nicht, dass ich psychische Erkrankungen oder insbesondere das Thema Selbstmord nicht ernst nehme. Falls ihr euch dadurch verletzt oder abgewertet fühlt, sagt mir bitte Bescheid, dann gebe ich in Zukunft mein bestes, mich damit zurückzuhalten!



Donnerstag, 7. Dezember 2017

Gedanken an die Zukunft


Ich sitze mit meinem Papa beim Frühstück und genieße die Ruhe und den Ausblick auf den verschneiten Garten. Eine Blaumeise hüpft im kahlen Kirschbaum von Ast zu Ast, um zu prüfen, ob sie dort nicht doch noch etwas Essbares findet. In meiner Hand eine große Tasse frisch gemahlener mexikanischer Kaffee. Endlich das Gefühl von Ruhe. Endlich einmal einfach sein.
Plötzlich stellt mein Papa die Frage, die alle Eltern stellen: "Was hast du eigentlich vor nach dem Studium?" Und da, gleich darauf folgend sind sie auch schon, die Zauberworte. Die Fluchworte, viel eher. Der Cruciatus-Fluch der Muggelwelt, sozusagen. Oder zumindest meiner Welt. Ein einfacher Satz, der so viel in mir auslöst: "Also, du musst dir da jetzt echt mal Gedanken machen!"

Was ich weiß: Wenn er mir diese Fragen stellt, tut er das nicht, um mich in Stress zu versetzen oder mir Druck zu machen. Es ist das Interesse, das da spricht, vielleicht auch ein wenig die Sorge, denn schließlich habe ich bereits einen Studienabschluss in der Tasche, mit dem ich jetzt nichts anfange.

Was mein Papa nicht weiß: dieser Moment war einer der wenigen, in dem ich mir ausnahmsweise gerade mal keine Gedanken mache - Gedanken über die Zukunft, Gedanken über den Job,  und das Geld. Am besten mache ich jetzt Praktika, suche mir zum Berufsziel passende Nebenjobs und lerne Leute kennen, die mir dann Jobs verschaffen, die ich sonst nie bekommen hätte. Das Gedankenkarussell hat augenblicklich einen neuen Anschubser bekommen, es nimmt an Fahrt auf und dreht sich und dreht sich und dreht sich und...

Was mein Papa auch nicht weiß: mit jedem Tag, der vergeht, wächst der Gedanke (nicht mehr nur Wunsch, aber auch noch nicht ganz Plan) in mir, keinen normalen Job zu machen. Dieses Semester, in dem ich mit zwei Nebenjobs und der Uni inklusive Vor- und Nachbereitung der Veranstaltungen ungefähr an eine normale Arbeitswoche herankomme, hat mir sehr deutlich gemacht, dass ich so nicht Jahrzehnte meines Lebens verbringen will (was genau "so" ist, hat Jürgen von The Spice of Life hier sehr gut in Worte gefasst, weswegen ich es mir einfach mache und einfach einen Link poste, anstatt es in eigenen Worten hier zu erklären).  Ich will nicht die Stunden bis zum Feierabend, die Tage bis zum Urlaub, die Jahre bis zur Rente zählen. Ich will nicht abends nach Hause kommen und - so wie jetzt - nach dem Abendessen und vielleicht 30 Minuten gemeinsam mit meinem Freund verbrachter Zeit ins Bett fallen, um am nächsten Morgen einigermaßen ausgeruht zu sein. Ich weiß nicht, ob es die psychische Krankheit, die Introvertiertheit, die Hochsensibilität oder alles zusammen ist, was mich für einen "normalen" Arbeitsalltag so völlig ungeeignet macht, aber ich bin mir sicher, dass ich das so nicht lange ertrage. Schon jetzt, nach zwei Monaten, bewegt sich meine Stimmung konstant zwischen "geht so" und "kurz vor dem Nervenzusammenbruch". Das kann nicht mein Leben sein.

Vor ein paar Wochen habe ich mir mal die Zeit genommen, mir in meinem Tagebuch einen für mich idealen Tag auszumalen. Auch in dieser Vorstellung habe ich es zwar nicht geschafft, mir einen konkreten Job vorzustellen, der in einen idealen Tag passt, aber ein paar Anhaltspunkte gab es: ich möchte von zuhause aus arbeiten können, weil ich mich nur alleine und in einer Umgebung, in der ich mich sicher und geborgen fühle, wirklich konzentrieren kann. Ich möchte selbst entscheiden, was ich wann mache und die Freiheit haben, mir meine Arbeitszeit und Pausenzeit selbst einzuteilen. Ich möchte etwas Kreatives machen, am liebsten mit Worten, aber vielleicht auch Kunst oder Fotografie. Und ich möchte etwas Sinnhaftes erschaffen, was anderen Menschen hilft oder sie inspiriert, oder sie einfach für einen Moment glücklich macht. Diese Vorstellung hat mich mit so viel Glück und Wärme erfüllt, dass ich für einen kurzen Moment fast dachte, sie sei schon Realität.

Aber dennoch fällt es mir so schwer, diese Vorstellung mit anderen zu teilen. Insbesondere natürlich meinen Eltern, von denen ich weiß, dass sie (finanzielle) Sicherheit immer als wichtiger ansehen werden als "berufliche Erfüllung", oder wie ich dieses Gefühl bezeichnen soll, aber auch meinen Freundinnen gegenüber, die schon in "richtigen Jobs" arbeiten oder mit meinem Freund, der mir das zwar nicht sagt, aber mir schon das Gefühl gibt, er denke, ich würde das mal wieder überdramatisieren. Denn zu groß ist die Angst als faul oder zu empfindlich abgestempelt zu werden: "jeder" schafft es doch, arbeiten zu gehen, also wieso ist es für mich so unvorstellbar? Und was, wenn ich diesen Weg gehe, den ich mir ausmale, aber er bleibt erfolglos und ich liege meinem Freund auf der Tasche? Oder was, wenn wir uns trennen, und ich dann ganz alleine für meinen Lebensunterhalt sorgen muss? Und außerdem, wären dann nicht nur ein, sondern ganze zwei Bachelorstudien völlig umsonst gewesen? All die schlaflosen Nächte, all der Leistungsdruck, den ich mir gemacht habe?

Alle diese Gedanken sind nur ein Ausschnitt dessen, was mein angstgestörtes, unsicheres Köpfchen Tag für Tag fabriziert. Und ich will nur einmal, ein einziges Mal, einfach ruhig und gelassen sagen können: "Weißt du, Papa, ich glaube, das ist nichts für mich.", ohne mich vor der Reaktion zu fürchten. Aber noch bin ich nicht an diesem Punkt und noch lassen die Frage nach meinen beruflichen Plänen und all die daran hängenden Erwartungen meine Brust zusammenziehen und mein Herz klopfen.

Und ich fürchte mich vor Weihnachten und all den Leuten, die mir diese Frage immer und immer wieder stellen werden. Denn sie sehen eine gebildete junge Frau in einem Alter, in dem man sich schon einigermaßen kennt und Pläne und Ziele hat. Aber wenn ich mich selbst anschaue, sehe ich ein unsicheres, ängstliches Mädchen, das sich genauso verloren fühlt wie mit achtzehn. Vielleicht sogar noch ein wenig mehr...