Donnerstag, 7. Dezember 2017

Gedanken an die Zukunft


Ich sitze mit meinem Papa beim Frühstück und genieße die Ruhe und den Ausblick auf den verschneiten Garten. Eine Blaumeise hüpft im kahlen Kirschbaum von Ast zu Ast, um zu prüfen, ob sie dort nicht doch noch etwas Essbares findet. In meiner Hand eine große Tasse frisch gemahlener mexikanischer Kaffee. Endlich das Gefühl von Ruhe. Endlich einmal einfach sein.
Plötzlich stellt mein Papa die Frage, die alle Eltern stellen: "Was hast du eigentlich vor nach dem Studium?" Und da, gleich darauf folgend sind sie auch schon, die Zauberworte. Die Fluchworte, viel eher. Der Cruciatus-Fluch der Muggelwelt, sozusagen. Oder zumindest meiner Welt. Ein einfacher Satz, der so viel in mir auslöst: "Also, du musst dir da jetzt echt mal Gedanken machen!"

Was ich weiß: Wenn er mir diese Fragen stellt, tut er das nicht, um mich in Stress zu versetzen oder mir Druck zu machen. Es ist das Interesse, das da spricht, vielleicht auch ein wenig die Sorge, denn schließlich habe ich bereits einen Studienabschluss in der Tasche, mit dem ich jetzt nichts anfange.

Was mein Papa nicht weiß: dieser Moment war einer der wenigen, in dem ich mir ausnahmsweise gerade mal keine Gedanken mache - Gedanken über die Zukunft, Gedanken über den Job,  und das Geld. Am besten mache ich jetzt Praktika, suche mir zum Berufsziel passende Nebenjobs und lerne Leute kennen, die mir dann Jobs verschaffen, die ich sonst nie bekommen hätte. Das Gedankenkarussell hat augenblicklich einen neuen Anschubser bekommen, es nimmt an Fahrt auf und dreht sich und dreht sich und dreht sich und...

Was mein Papa auch nicht weiß: mit jedem Tag, der vergeht, wächst der Gedanke (nicht mehr nur Wunsch, aber auch noch nicht ganz Plan) in mir, keinen normalen Job zu machen. Dieses Semester, in dem ich mit zwei Nebenjobs und der Uni inklusive Vor- und Nachbereitung der Veranstaltungen ungefähr an eine normale Arbeitswoche herankomme, hat mir sehr deutlich gemacht, dass ich so nicht Jahrzehnte meines Lebens verbringen will (was genau "so" ist, hat Jürgen von The Spice of Life hier sehr gut in Worte gefasst, weswegen ich es mir einfach mache und einfach einen Link poste, anstatt es in eigenen Worten hier zu erklären).  Ich will nicht die Stunden bis zum Feierabend, die Tage bis zum Urlaub, die Jahre bis zur Rente zählen. Ich will nicht abends nach Hause kommen und - so wie jetzt - nach dem Abendessen und vielleicht 30 Minuten gemeinsam mit meinem Freund verbrachter Zeit ins Bett fallen, um am nächsten Morgen einigermaßen ausgeruht zu sein. Ich weiß nicht, ob es die psychische Krankheit, die Introvertiertheit, die Hochsensibilität oder alles zusammen ist, was mich für einen "normalen" Arbeitsalltag so völlig ungeeignet macht, aber ich bin mir sicher, dass ich das so nicht lange ertrage. Schon jetzt, nach zwei Monaten, bewegt sich meine Stimmung konstant zwischen "geht so" und "kurz vor dem Nervenzusammenbruch". Das kann nicht mein Leben sein.

Vor ein paar Wochen habe ich mir mal die Zeit genommen, mir in meinem Tagebuch einen für mich idealen Tag auszumalen. Auch in dieser Vorstellung habe ich es zwar nicht geschafft, mir einen konkreten Job vorzustellen, der in einen idealen Tag passt, aber ein paar Anhaltspunkte gab es: ich möchte von zuhause aus arbeiten können, weil ich mich nur alleine und in einer Umgebung, in der ich mich sicher und geborgen fühle, wirklich konzentrieren kann. Ich möchte selbst entscheiden, was ich wann mache und die Freiheit haben, mir meine Arbeitszeit und Pausenzeit selbst einzuteilen. Ich möchte etwas Kreatives machen, am liebsten mit Worten, aber vielleicht auch Kunst oder Fotografie. Und ich möchte etwas Sinnhaftes erschaffen, was anderen Menschen hilft oder sie inspiriert, oder sie einfach für einen Moment glücklich macht. Diese Vorstellung hat mich mit so viel Glück und Wärme erfüllt, dass ich für einen kurzen Moment fast dachte, sie sei schon Realität.

Aber dennoch fällt es mir so schwer, diese Vorstellung mit anderen zu teilen. Insbesondere natürlich meinen Eltern, von denen ich weiß, dass sie (finanzielle) Sicherheit immer als wichtiger ansehen werden als "berufliche Erfüllung", oder wie ich dieses Gefühl bezeichnen soll, aber auch meinen Freundinnen gegenüber, die schon in "richtigen Jobs" arbeiten oder mit meinem Freund, der mir das zwar nicht sagt, aber mir schon das Gefühl gibt, er denke, ich würde das mal wieder überdramatisieren. Denn zu groß ist die Angst als faul oder zu empfindlich abgestempelt zu werden: "jeder" schafft es doch, arbeiten zu gehen, also wieso ist es für mich so unvorstellbar? Und was, wenn ich diesen Weg gehe, den ich mir ausmale, aber er bleibt erfolglos und ich liege meinem Freund auf der Tasche? Oder was, wenn wir uns trennen, und ich dann ganz alleine für meinen Lebensunterhalt sorgen muss? Und außerdem, wären dann nicht nur ein, sondern ganze zwei Bachelorstudien völlig umsonst gewesen? All die schlaflosen Nächte, all der Leistungsdruck, den ich mir gemacht habe?

Alle diese Gedanken sind nur ein Ausschnitt dessen, was mein angstgestörtes, unsicheres Köpfchen Tag für Tag fabriziert. Und ich will nur einmal, ein einziges Mal, einfach ruhig und gelassen sagen können: "Weißt du, Papa, ich glaube, das ist nichts für mich.", ohne mich vor der Reaktion zu fürchten. Aber noch bin ich nicht an diesem Punkt und noch lassen die Frage nach meinen beruflichen Plänen und all die daran hängenden Erwartungen meine Brust zusammenziehen und mein Herz klopfen.

Und ich fürchte mich vor Weihnachten und all den Leuten, die mir diese Frage immer und immer wieder stellen werden. Denn sie sehen eine gebildete junge Frau in einem Alter, in dem man sich schon einigermaßen kennt und Pläne und Ziele hat. Aber wenn ich mich selbst anschaue, sehe ich ein unsicheres, ängstliches Mädchen, das sich genauso verloren fühlt wie mit achtzehn. Vielleicht sogar noch ein wenig mehr...

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